Vorstellungsraum, Teil 2: Drehen wir eine Runde

Es scheint, als ob Rollenspieltheorie doch nicht ganz so unbeliebt und trocken ist, wie immer wieder gesagt wird. Craulabesh hat sich auch in die Diskussion zum Vorstellungsraum eingeschaltet und auf RPGnosis gibt es viele Kommentare und auch eine Antwort auf meinen letzten Artikel. Andreas meint, dass unsere Vorstellungen auseinander liegen, weil wir unterschiedliche Definitionen haben. Ich meine, sie liegen auseinander, weil Andreas es sich schwieriger macht als nötig.

Meine Reiseflughöhe

Kommunikation ist der Hemmschuh, der Andreas‘ und mein Modell auseinander bringt. Für Andreas ist sie der Grund, der den gemeinsamen Vorstellungsraum (GVR) unmöglich macht. „In der Kommunikation ist das Missverständnis die Regel,“ daher kann eine Vorstellung, die ein Spieler oder der SL einbringt, niemals in einem gemeinsamen Raum landen. Jeder, der eine Aussage hört, wird sie interpretieren und sich seine eigene Vorstellung davon bilden. Diese landet damit im persönlichen Vorstellungsraum (PVR), denn sie ist eben nicht mehr gemeinsam. Diese Sichtweise kann ich nachvollziehen, trotzdem bleibe ich bei meinem Modell als eine gültige Alternative. Durch das unzureichende Einbeziehen dieser Missverständnisse ist es nach Andreas nicht möglich einen gemeinsamen VR zu bilden.

Für mein Modell habe ich in gewisser Weise die Kommunikation allerdings doch betrachtet. Ich habe sie bewusst ausgeklammert. Mein Modell ist abstrakter, eine Ebene höher (im Sinne der Detailtiefe). Frei nach der These „Für Kommunikation gibt es Kommunikationsprofis, das ist eine andere Baustelle“ habe ich mich auf den Rest konzentriert. Die Kommunikation am Spieltisch ist wie jede andere auch. Es entstehen Misverstädnisse, aber sie kann genau wie jede andere Kommunikation nach allgemeingültigen Regeln analysiert und bewertet werden. Würde eine Rollenspielrunde von einem Kommunikationsprofi beobachtet werden, dann kann er genau so vorgehen, wie bei jeder anderen Unterhaltung. Wichtig für mich ist dabei nur, dass die Beteiligten der Spielrunde Vorstellungen austauschen können. Ein Teil davon kommt richtig bei allen an, ein Teil davon geht verloren und ein Teil davon kommt verändert bei den Anderen an.

Ist „rustikal“ immer gleich „stabil“?

Mein Modell mag auf den ersten Blick etwas schwer verständlich sein. Wie gesagt, ich bin Informatiker und darum neige ich nicht zu vielschichten, umfassenden Lösungen. Ich neige ganz schwer zu „teile und herrsche„. Ich habe die komplizierte Situation am Spieltisch in zwei Bereiche geteilt: die Kommunikation und die Verbreitung von Vorstellungen. Das macht es dann in der Folge einfacher. Die Frage des GVR oder PVR ist für mich nur die Frage „Wie werden Vorstellungen am Tisch ausgetauscht und verbreitet?“ Und wie eben schon erwähnt kommt die Unschärfe der Kommunikation nur in sofern zum Tragen, dass jede geäußerte Vorstellung ihr Ziel verändert erreicht und eigene Vorstellungen bei jedem Zuhörer erzeugt, die von der ursprünglich geäußerten Vorstellung teilweise abweichen.

Beispielsweise äußert der Spielleiter die Vorstellung, dass der Raum, den die Spieler betreten, in schummeriges Fackellicht getaucht ist und dort ein rustikaler Tisch steht. Diese Vorstellung nenne ich Vorstellung A. A verlässt damit den PVR des SL und bewegt sich in den GVR. Dabei verändert sie sich, im Regelfall durch einen gewissen Informationsverlust. Das heißt im GVR kommt nicht Vorstellung A an, sondern die veränderte Vorstellung A‘. Gleichzeitig entstehen in den PVRe der Spieler durch Interpretation weitere Vorstellungen (A1, A2, …), z.B. dass ein rustikaler Tisch auch stabil ist. Selbst beim SL entsteht eine neue Vorstellung A0, die z.B. aus (unterbewusst) nicht geäußerten Resten der Vorstellung A besteht. Der GVR bildet sich nun aus den Vorstellungen A‘, B‘, C‘ usw. Sicher ein etwas mathematischer Ansatz, aber ich finde, er ist deutlich einfacher. Und die These, dass von der Äußerung eines Beteiligten gar kein gemeinsamer Nenner übrig bleibt, der in einem (virtuellen) GVR landet, finde ich dann doch etwas arg abwegig, denn dann würde Rollenspiel ohne Battlemat überhaupt gar nicht funktionieren. Die Kernelemente kommen immer an und sind damit gemeinsam.

Andreas‘ Modell halte ich trotzdem für genauso wertvoll und gültig. Ich denke, es hängt davon ab, was man mit dem Modell machen will. Die weitere Diskussion wird zeigen müssen, ob es einen Unterschied zwischen beiden Ansätzen gibt. Bis dahin kann ich zumindest gut damit leben, wenn beide Modelle zunächst einmal nebeneinander existieren.

Fuck-ten? Fuck you!

Andreas‘ verschiebt auch die Regelwerke und Settingsbeschreibungen, die ich in den GVR gesetzt habe, aus dem GVR oder generell aus einem VR hinaus. Er nennt sie „Rahmenbedingungen“ oder „Ressourcen“. Damit kann ich gut leben. Im Zuge dessen wird viel von „Fakten“ und „FAKTEN“ gesprochen, was ich eine schlechte Wortwahl finde, denn auch Bücher bedienen sich der Sprache, sind Kommunikation und damit quasi lebende Missverständnisse. Jedenfalls kommt beim Leser selten oder nie das Bild an, dass der Autor im Kopf hatte. Teilweise ist das ja sogar die Absicht des Autors, Stichwort „Inspiration“. Darum können Bücher keine echten Fakten erzeugen, vor allem nicht in dieser Diskussion, in der es um Vorstellungen geht. Ich würde hier vielmehr von den genannten „Vorstellungen“ und „Rahmenbedingungen“ oder „Ressourcen“ sprechen, wobei mir Letzteres besser gefällt.

9 Responses

  1. >> Bücher bedienen sich der Sprache, sind Kommunikation und damit quasi lebende Missverständnisse. Jedenfalls kommt beim Leser selten oder nie das Bild an, dass der Autor im Kopf hatte. Teilweise ist das ja sogar die Absicht des Autors, Stichwort “Inspiration”. Darum können Bücher keine echten Fakten erzeugen <<

    Deswegen wird ja auch zwischen Fakten und FAKTEN unterschieden. Das, was in Büchern steht, sind erst einmal Fakten. Die müssen dann noch durch diverse Kommunikationsprozesse (z.B. Lesen des Buchs, Erzählen der Fakten am Spieltisch) und haben auch bereits welche durchlaufen (z.B. Niederschrift der Gedanken des Autors, Lektorat), bis sie wirklich am Spieltisch als FAKTEN Einfluss auf die Vorstellungsräume haben.

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  2. Der grundlegende Unterschied zwischen unseren Ansichten ist wohl der, dass ich den VR als etwas betrachte, was ausschließlich während des Spiels existent ist, quaso der gedankliche Prozess des Aufbaus einer Fantasievorstellung. Als solche sind Hintergrundwerke etc. nicht *direkt* Teil der Vorstellung, solange sie nicht kommuniziert werden. Deswegen passt auch Zornhaus Unterscheidung zwischen FAKTEN (= Spielgeschehen) und „Fakten“ (= Rollenspielbücher) in meinen Vorschlag.

    Es herrscht aber noch ein Missverständnis vor; du schriebst:
    „Kommunikation ist der Hemmschuh, der Andreas’ und mein Modell auseinander bringt. Für Andreas ist sie der Grund, der den gemeinsamen Vorstellungsraum (GVR) unmöglich macht.“
    Nicht Kommunikation ist der Grund für die „Unmöglichkeit“ des GVR, sondern der GVR ist keine irgendwie (und sei es nur subjektiv-empirisch) zugängliche, existierende Entität – zumindest in meinem Verständnis der Vorstellung als Spielprozess. Zugänglich ist für jeden nur seine eigene Vorstellung – man kann per Kommunikation abklären, ob jeder eine bestimmte Vorstellung hat, aber das ist offensichtlich auch nur ein Bezug auf den PVR eines jeden Einzelnen. Ist diese Übereinstimmung gegeben, kann man sie zwar Element eines „GVR“ nennen, aber das ist und bleibt nur eine Metapher für die Schnittmenge der PVRe und gewinnt dadurch keine eigenständige Existenzweise.
    Ein möglicher Grund dafür ist die Serialität der Kommunikation, die immer nur eine ausschnittsweise Betrachtung einer einzelnen Aussage zulässt (von der man nicht weiß, ob sie danach wirklich noch bei jedem präsent ist), ein besserer ist das Prinzip „entia non sunt multiplicanda praeter necessitate“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser):

    In meiner Definition des VR als Element des prozesshaften Spielgeschehens kann die Annahme eines GVR als zusätzlich existierende keine Probleme lösen, die nicht auch durch Bezug auf den PVR mindestens genausogut gelöst werden können. Also sehe ich keinen Grund, den GVR als eigenständig existierende Entität in die Betrachtung einzufügen.

    Sein Wert als Metapher für die Schnittmenge der PVRe bleibt davon unberührt, allerdings ist er eben auch ein vorbelasteter Begriff aus alten theoretischen Ansätzen, und mit solchen habe ich in der Diskussion schon schlechte Erfahrungen gemacht.

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  3. Also ich kann beide Seiten verstehen, auch, warum einen die Thematik mit einer Metapher leichter verständlich erscheint. Es ist sozusagen ein Ort, wo meinen seinen Gedankenschritt zwischenspeichert.

    afaik hat Jan auch nirgends geschrieben, dass der GVR wirklich existiert. Wie könnte man das auch behaupten?

    Da ich mir lieber die „Mühe“ mache, den Enstehungsprozess in einem Rutsch zu betrachten, bevorzuge ich es allerdings zunächst auch, auf einen GVR zu verzichten.

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  4. In deinem ersten ARtikel schriebst du: „Kommunikation aller Beteiligter findet in Richtung des Tisches statt, der GVR schwebt damit sozusagen über dem Tisch und wird von allen Seiten gefüttert. Auch die Battlemat ist damit automatisch der beschriebene Nachbar des GVR, sie liegt direkt darunter. So kann alles, was auf dem Tisch landet direkt Teil des GVR werden. Vielleicht ist der Tisch sogar der GVR? Wenn ich meinen Charakterbogen auf den Tisch lege ist er automatisch Teil des GVR. “

    Etwas, das liegen und schweben kann und materielle Dinge wie Bücher, Battlemats oder Charakterbögen beinhaltet, impliziert eine eigene Existenzweise. Vielleicht sogar eine identische mit der des Tischs…? 😉
    Ich sehe darin einen Versuch, deskriptiv den Spieltisch auf eine Stufe mit dem Spielmaterial bei einem Brettspiel zu stellen, und das geht mir zu weit, weil sich’s vom Rollenspiel als Kommunikation über Vorstellungen entfernt.

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